Imrich Tomás. Mein Leben in West Berlin

Vernissage
Retrospektive

Imrich Tomáš ist eine der prägenden Persönlichkeiten in der Arbeit der Galerie Kai Dikhas und mehrfach mit seinen sensiblen abstrakten Reliefarbeiten in der Sammlung der gleichnamigen Stiftung vertreten. Tomáš kann auf ein ausgefülltes Künstlerleben zurückblicken. In den siebziger Jahren entkam er der politischen wie kulturellen Enge seiner Heimat, der Tschechoslowakei, indem er nach West-Berlin flüchtete. Hier fand er sich nicht nur in der ersehnten politischen Freiheit, sondern vor allem im pulsierenden Kulturleben der damals insulären Stadt wieder. Erstmalig führt die Ausstellung „Mein Leben in West Berlin“ Arbeiten unterschiedlicher Schaffensphasen des Künstlers zusammen: Wir erleben einen überraschend expressiven Aufbruch, sehen Portraits von Wahlverwandten und inspirierenden Schriftstellern, Akt- und Landschaftsbilder des Meisterschülers der HdK, stimmungsvolle und surrealistisch anmutende Bilder einer Phase des fantastischen Realismus, genauso wie scharfsinnige und ironische Ansichten West-Berliner Lebens.

In der Zusammenschau entsteht in der Ausstellung eine erstaunliche Schnittmenge, die uns zeigt, was Qualität und Auge des Künstlers uns sehen machen wollen. Es zeigt, sich, dass - so unterschiedlich die Ansätze auch sein mögen - stets der sehr (selbst-) kritische Blick des Künstlers auf einem gradlinigen Weg der Annäherung an eine seinem Blick immanente eigene Bildlogik gewesen ist und dass geradezu die letztendliche Entwicklung der skulpturhaften abstrakten heutigen Werke- die folgerichtige Entwicklung einer langen Künstlerlaufbahn ist. Hier hat Imrich Tomáš letztendlich seine kreative Freiheit gefunden, die er schon bei seinem Aufbruch suchte.

In der Retrospektive kann diese Jahrzehnte lange Arbeit dieser kritischen Annäherung nachvollzogen werden. Sei es im pastösen expressionistischen Farbauftrag seines Selbstportraits seiner Studienzeit, in der Freistellung von fotorealistisch dargestellten Körpern oder in der ironischen Darstellung fülliger Westberliner*innen, es geht dem Künstler stets um das Körperhafte, somit um die Reibung mit einer weiteren Grenze, nämlich der Darstellung des Dreidimensionalen im Zweidimensionalen, welches in der Entwicklung der Hanffaser-Skulpturen schließlich die probate Befreiung des Tafelgemäldes hin zur Skulptur, zu einer Wandarchitektur fand.

Allen Widrigkeiten zum Trotz schafft Tomáš seine eigene künstlerische Bildsprache, die sich völlig etwaigen Zuschreibungen entzieht. Imrich Tomáš ist Teil der künstlerischen Avantgarde der Roma, ein Künstler, der sich weder von den diskriminierenden Umständen von seinem mühsamen und arbeitsreichen Weg der Kunst abbringen lässt, noch seine Herkunft in irgendeiner Weise verleugnet. Er ist, was er ist: selbstkritischer und wacher Beobachter, und in dem, was er schafft, die Verkörperung der Idee dessen, was unsere Ausstellungen und die Arbeit der Stiftung Kai Dikhas ausmachen soll. Denn es ist die Freiheit der Kunst, die uns Menschen möglicherweise aus unserer eigenen Begrenztheit zu erheben vermag.

Moritz Pankok, Kurator

Termine

Do 29.10.2020 | 19:00 Uhr
Eintritt: 
frei