p i l o t e : m i l i e u

Ausstellung
Betty Böhm | Selket Chlupka | Theresa Schubert | Attilio Tono

Pilote präsentiert im CLB Berlin mit pilote:milieu seine dritte Gruppenausstellung. Gezeigt werden Skulpturen, Fotografien, Videoarbeiten und multimediale Rauminstallationen von vier pilote Künstlerinnen und Künstlern. Ihre Arbeiten vereint die Schnittstelle zwischen konzeptueller Kunst und interdisziplinärer Praxis.

Der Titel der Ausstellung ist angelehnt an die seit Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft geführten Diskussionen über die unterschiedlichen Vorstellungen von Umwelt. Nicht nur in der Biologie, Soziologie und Psychologie, sondern seit jeher auch im Feld der Kunst werden entscheidende Fragen aufgegriffen und Antworten generiert. Spezifische Begriffe wie Umwelt, Medium, Milieu oder Situation sind allgegenwärtig. So kommt es zunehmend vor, dass einzelne Disziplinen der Wissenschaft und der Kunst miteinander verschmelzen und jeweils ihre Anpassungsfähigkeit prüfen - freiwillig oder zwangsweise. Intensive, aufrüttelnde und/oder inspirierende Verbindungen entstehen, die zu neuen Nuancen des Denkens über Umwelt und Lebensraum anregen. Einige beeindruckende Positionen hierzu werden in der Ausstellung vorgestellt. Als Milieu wird allgemein die Gesamtheit natürlicher und sozialer Lebensverhältnisse bezeichnet: sie beinhaltet alle Faktoren, die eine Umgebung für ein Lebewesen oder eine Gesellschaft beeinträchtigen, verändern oder neu schaffen. In pilote:milieu erforschen die Künstlerinnen und Künstler anhand unterschiedlicher formaler Herangehensweisen jene räumlichen Umgebungen und die in ihnen stattfindenden Begegnungen. Natürliche und künstliche Lebensumfelder, Territorien, verschiedenen Materialien und die sie determinierende Raum-Zeit-Abgrenzung spielen in den gezeigten Werken eine elementare Rolle und greifen teilweise das politische Zeitgeschehen unserer Gesellschaft auf. Die Ausstellung kreiert ein eigenes Milieu, eine Situation der Begegnung, in die sich der Besucher automatisch begibt.

Ein absolutes Novum der Ausstellung ist die Kollaboration zwischen Theresa Schubert und Attilio Tono. Das erste gemeinsame Werk ist eine „lebende“ Skulptur, in der organische und anorganische Materie aufeinander treffen und wird in pilote:milieu zu sehen sein.

Betty Böhm (*1979; Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, DE)
Betty Böhm beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit der Charakteristik von Räumen, Orten und Territorien und deren sozialen und psychologischen Auswirkungen auf den Menschen. Von besonderem Interesse sind hierbei nachwirkende, am jeweiligen Ort gespeicherte Prägungen - gewissermaßen der energetische Abdruck eines sozialen Milieus, der auch ins kollektive Bewusstsein einzudringen vermag. Über die Auseinandersetzung mit dieser komplexen Thematik werden unter Einbeziehung unterbewusster Denkebenen spannungsreiche innere Bilder ausformuliert, die neben einer sich entfaltenden subjektiven Poesie immer auch einen Bogen zur gesellschaftlichen Lage spannen. Ihre im CLB präsentierten Werke sind maßgeblich beeinflusst von der Beschäftigung mit der allgegenwärtigen Migrationskrise sowie der Zurückdrängung und Ausgrenzung bestimmter Völkergruppen und dem daraus entstehenden psychologischen Nachhall. Betty Böhm kreiert mittels ihrer multidisziplinarischen Arbeitsweise (Fotografie, Video, Installation, Sound) eindrückliche Szenarien und Zwischenwelten, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit entziehen und dem Betrachter Raum für eigene Assoziationen und Erfahrungen geben.

Selket Chlupka (*1981; Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, DE)
Selket Chlupka bildet in ihren Rauminstallationen unterbewusste intuitive Wahrnehmungs- und Denkprozesse ab. Häufig haben diese die Auseinandersetzung mit dem eigenen (Da)sein im Bezug zur Umwelt zum Ursprung. Die immanente Erfahrung dessen ist konsequent in ihrem Werk zu beobachten und spürbar. Die im CLB präsentierte Installation „Body of Art“ knüpft an die Installation „la source (all ends with beginnings)“ an. Body of Art ist ein Begriff, der viele Zugänge ermöglicht. Er beschreibt die Arbeit an sich als solche und macht damit klar, dass die Arbeit trotz ihrer Kleinteiligkeit einen Gesamt(körper) darstellt. Der darin enthaltene Begriff des ‚Körpers‘ ist ein Aspekt der Arbeit. Die eigene körperliche Präsenz, die Präsenz der Künstlerin im Schaffen und das klare Bewusstsein dafür, was schließlich dadurch materiell als Kunstwerk tatsächlich entsteht, kann als Barometer jener innerer Zustände verstanden werden, die Selket Chlupka so zum Beispiel beim Drehen der 180 Gefäße erfahren hat und in dem Werk offenbart.

Theresa Schubert (*1981; Bauhaus-Universität Weimar, DE)
Ein wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit ist eine forschende und experimentelle Herangehensweise, die sich zwischen Kunst, Biologie und neuen Medien bewegt. In ihrer künstlerischen Praxis behandelt sie Phänomene der Natur nicht nur als Inspiration, sondern als Material und kritischen Prozess. In der Ausstellung werden u.a. Teile ihres jüngsten Projekts „The forestal Psyche“ zu sehen sein, in der sich die Künstlerin mit dem Wald als poetische Metapher und gleichzeitig Ort wissenschaftlicher Forschung mit seinen diversen Milieus auseinandersetzt. Mit „morphological twists“ zeigt sie eine digitale Animation von auf Pilzen tätowierten Linien. Diese entstand aus dem 2015 begonnenen Werkzyklus „Growing Geometries - tattooing mushrooms“ und untersucht die Morphologie und Evolution geometrischer Formen auf organischen, wachsenden Membranen. Theresa Schubert widmet sich hierin der Fragestellung, wie Bilder durch natürliche Prozesse generiert werden können.

Attilio Tono (*1976; Akademie der Schönen Künste Mailand, I)
Attilio Tono arbeitet mit traditionellen, natürlichen Materialien wie Marmor und Gips. Die Verbindung von Objekt, Form und Raum Form referierend, nutz der Künstler die Besonderheit und Kraft der Naturrohstoffe und gestaltet symbiotische Momente mit weiteren natürlichen Produkten wie Rotwein, Bienenwachs oder Olivenöl. Das Kunstwerk verändert in der Konfrontation sukzessiv seine ursprünglich streng geometrische Gestalt. Dieser fortschreitende Transformationsprozess und die mithin sichtbare Sprache der Zeit bilden zentrale ästhetische Dimensionen der künstlerischen Praxis von Attilio Tono. Frei von figurativen Elementen begegnet der Künstler in seinen Skulpturen und Zeichnungen der Materie mit einer einzigartigen Neugier, vor allem die Besonderheiten innerhalb der von ihm konstruierten/geschaffenen Milieus zwischen Skulptur und Umgebung werden erforscht. Historische, symbolische und formale Beziehungen sind dabei evident.

Über pilote
Pilote gründete sich im Sommer 2016 aus neun überwiegend in Berlin lebenden und arbeitenden eigenständigen Künstlerinnen und Künstlern internationaler Herkunft sowie der aus Berlin stammenden Kunsthistorikerin Monique Wysterski. Pilote bietet zeitgenössische Werke aller Medien und Gattungen der Bildenden Kunst. Schwerpunkte finden sich in der konzeptuellen Kunst und interdisziplinären Herangehensweisen. Es werden fortlaufend neue Tendenzen der künstlerischen Praxis erforscht und für Präsentationen temporär Orte oder Räume besetzt.

Ausstellung 02.-22.12.2017, Di–Do 14 –18 Uhr, Fr–So 15 –19 Uhr

Termine

Sa 02.12.2017 | 15:00 Uhr bis Fr 22.12.2017 | 18:00 Uhr
Eintritt: 
Eintritt frei